3, 2, 1 – Jump! Night-Out in China

Ein Blick auf den Schrittzähler der Health-App verrät, dass man in den letzten 24 Stunden eine zweistellige Kilometeranzahl zurückgelegt hätte. Wie ist das möglich? Natürlich bewegen wir uns im städtischen Raum viel zu Fuß fort, aber wie kommt diese Zahl an einem Samstagmorgen zu Stande?
An den vergangenen Samstagen in Ningbo hatten wir uns diese Frage bereits zweimal gestellt und eine einfache Antwort darauf gefunden: Wir waren Tanzen!

Tagsüber in der Woche diskutierten und entwickelten wir Strategien sowie grafische Konzepte für unsere Praxisprojekte. Abends am Wochenende, zweimal war es der Freitag und einmal ein Mittwoch, hatten wir uns vorgenommen, das Nachtleben in den chinesischen Metropolen Shanghai und Ningbo zu erkunden.

Kick-Off unserer abendlichen Ausflüge war die imposante Metropole Shanghai, welche wir am ersten Wochenende im Rahmen eines Wochend-Trips besucht hatten. Die Qual der Wahl ließ nicht lange auf sich warten: Welchen Club oder welche Bar sollten wir besuchen? Die Auswahl schien nämlich schier unendlich. Um nicht völlig zu verzweifeln beschlossen wir die Sache strukturiert anzugehen und suchten nach Bars mit besonders guten Kritiken in attraktiven Lagen.

Ein deutsches Sprichwort sagt „wer suchet der findet“. Nach einigen Suchmaschinenanfragen und dem Durchwühlen von Foreneinträgen stießen wir auf eine kleine Bar, welche sich als Treffpunkt für Studenten und junge Leute einen Namen gemacht hatte. Die Lage war ebenfalls recht vielversprechend, da die Lokalität ganz in der Nähe der berühmten Shanghai Skyline zu finden war. Wir wurden nicht enttäuscht! Die Captains Bar befand sich im fünften Stock eines, von außen eher unscheinbaren, Gebäudes und konnte aufgrund seiner Dachgeschoß-Lage mit einer Dachterrasse punkten. Alles schön und gut, aber was konnte man denn sehen, wenn man über die hölzerne Brüstung hinaus in die Ferne blickt? Ich will es euch verraten: die Shanghai Skyline, schöner als es vom Boden aus denkbar gewesen wäre. In einer gemütlichen Sitzecke bestellten wir uns also ein paar Longdrinks und probierten lokale Spezialitäten und Mischgetränke. Unter freiem Himmel wurden hier auch die Pläne für den späteren Clubbesuch besprochen.

Aufgrund guter Kontakte in die lokale Partyszene konnten wir mit Hilfe eines Promoters Zutritt zu einem Member Club im Partyviertel Shanghais erlangen. Der MYST Club machte einen sehr hochwertigen Eindruck auf uns und schnell zeigten sich die Unterschiede zur deutschen Partyszene. Chinesische Clubs legen mehr Wert darauf, den vorhandenen Platz für Lounges zu nutzen. Das heißt, dass die Tanzfläche kleiner ausfällt und die eigentliche Gruppenbildung und Vermischung aller Partygäste eher ausbleibt. Die Tanzfläche, welche sich meistens direkt vor dem DJ befindet, ist immer mit allen Gästen gefüllt, die sich nicht den Luxus einer Lounge geleistet haben. Der Rest der Gäste bleibt unter sich und tanzt in der Lounge. Das Personalaufkommen im Club ist ebenfalls wesentlich höher als es in einem deutschen Club der Fall wäre. Jeder Tisch verfügt über einen eigenen Kellner, die großen Lounges sogar über eigenes Sicherheitspersonal. Mehrere Bars sucht der Partygast vergeblich, lediglich im Eingangsbereich befindet sich ein Tresen. Die restlichen Gäste werden bedient und müssen sich ihre Getränke nicht selbst organisieren.

Zurück in Ningbo dachten wir, dass wir jetzt alles in Sachen „Clubbing“ gesehen hatten und uns von nun an nichts mehr überraschen könnte. Natürlich kam alles anders und so kam es, dass wir am Samstag des zweiten Wochenendes den SIRENA Club im Norden Ningbos besuchten. Unsere chinesischen Freunde hatten dieses Mal ihr Vitamin B eingesetzt und für einen erschwinglichen Preis eine Lounge im besagten Club buchen können. Aus Deutschland waren wir es gewohnt, dass für Sitzmöglichkeiten im Club unverschämte Preise verlangt werden und man nicht wirklich etwas davon hat. Auch hier sollten wir eines Besseren belehrt werden, denn wir hatten 9 Sitzplätze und anfangs zwei Flaschen feinen Hennessy Whiskey zur Verfügung. Unserer Kellner war äußerst hilfsbereit und versorgte uns sogar mit frischem Obst, welches nett zubereite in Schälchen serviert wurde. Vielleicht kommt jetzt an diesem Punkt meines Berichts die Frage auf, warum man überhaupt eine Lounge braucht.

Lasst mich euch eine weitere Neuerung vorstellen, die wir in Shanghai noch nicht kennengelernt hatten. Stellen wir uns eine Tanzfläche vor, so gebaut, dass sie eine Art erhobenes Plateau ist. Man steigt auf die erhabene Tanzfläche und erlebt sein blaues bzw. wippendes Wunder! Die Tanzfläche war gefedert und gab den Sprüngen der Menge nach, sodass man sich wie auf einem Trampolin fühlte. Wir fragten bei unseren chinesischen Freunden nach, um bauliche Mängel ausschließen zu können. Tatsächlich bestätigten diese uns, dass es in chinesischen Clubs üblich wäre, dass die Tanzfläche nachgibt, um die Sprunghöhe der chinesischen Partygäste zu erhöhen – wie crazy ist das denn?!
Der Abend war natürlich ein voller Erfolg, abgesehen davon, dass uns die hohe Temperatur im Club etwas zu schaffen gemacht hatte, hatten wir extrem viel Spaß, tanzten ausgiebig und fühlten uns eins mit der Menge – das Verlangen nach einem weiteren Clubbesuch war geboren!

Alle guten Dinge sind drei! Also gingen wir am darauffolgenden Mittwoch direkt wieder in einen Club. Diesmal war es der, über die Landesgrenze hinaus, bekannte S86 Club, in welchem schon viele namenhafte EDM-DJs unserer Zeit aufgelegt hatten. Eine gute, chinesische Freundin konnte über ihre Kontakte freien Eintritt für uns organisieren. Es war nicht das erste Mal, dass wir umsonst eingelassen wurden. Die Chinesen gaben uns bei jedem Besuch das Gefühl, dass sie unsere Anwesenheit sehr wertschätzen würden und das entspricht auch unserer generellen Wahrnehmung der chinesischen Kultur und Gesellschaft. Europäer sind gern gesehen und werden mit offenen Armen und einer damit verbunden positiven Grundhaltung empfangen. Im S86 gab es wieder unser neues Lieblingsgetränk Schwarzer bzw. Grüner Tee gemischt mit Hennessy Whiskey. Nach ein paar Trinkspielen in unserer Lounge bevölkerten wir euphorisiert die Tanzfläche, welche zum Glück nicht so gefedert war, wie die Tanzfläche im Sirena Club. An diesem Abend kamen wir den Chinesen noch näher als zuvor und hatten großen Spaß!

Noch eine kleine Anekdote am Schluss: Mir ist bis heute unklar, wie man im Club schlafen kann. Einige wenige Chinesen konnten es – Hut ab, bei 100 dB. Wenn ihr jetzt neugierig geworden seid, kann ich es jedem nur ans Herz legen, bei Gelegenheit ins chinesische Nachtleben einzutauchen. An dieser Stelle möchte ich mich auch wärmstens bei allen unseren chinesischen Freunden und Freundinnen bedanken, die diese unvergesslichen Nächte noch legendärer gemacht haben – ihr seid der Wahnsinn!